Einzelheiten

29. Juni 2011 Jürgen Beineke

Schulentwicklung Castrop-Rauxel: SPD und Bündnis90/Die Grünen mutlos und ohne Visionen

Wir distanzieren uns klar und eindeutig von der indirekten Behauptung, die Partei DIE LINKE. Castrop-Rauxel habe während der interfraktionellen Gespräche ebenfalls für die Schließung der Friedrich-Harkort-Schule gestimmt, wie das mit dem heutigen Artikel in der hiesigen WAZ "SPD für den Erhalt der Harkort-Schule" suggeriert wird.

Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt für die Schließung irgend einer konkreten Schule in Castrop-Rauxel ausgesprochen. Vielmehr lassen wir uns von einer völlig anderen Schulkonzeption leiten als alle anderen hiesigen Parteien ansonsten favorisieren.

Anlässlich der bevorstehenden Ratssitzung am 14. Juli 2011 und der Verwaltungsvorlage hinsichtlich einer sinnvollen und zeitgemäßen Schulentwicklung in Castrop-Rauxel melden wir uns vielmehr erneut mit einem Bekenntnis für eine integrative Schulform zu Wort:  

 

EINE SCHULE FÜR ALLE mit  s o w o h l  Primarstufe (Jahrgänge 1 - 6)  a l s  a u c h  Sekundarstufe I (Jahrgänge 7 - 10) im Sinne einer organisatorischen Einheit! EINE SCHULE FÜR ALLE: alle unter einem Dach! Inklusiv und länger gemeinsam!

 

SPD und Bündnis90/Die Grünen in Castrop-Rauxel vertun die Chance, soziale Inklusion und gleichwertige Teilhabe als Leitbilder im hiesigen Gemeinwesen zu verankern. Sie wollen vom gegliederten Schulsystem nicht lassen, von einem Schulsystem, das spätestens seit PISA fragwürdig geworden und in die Kritik von OECD, UNESCO, UNICEF, EU-Kommission, Vereinten Nationen und anderen Institutionen geraten ist. Durch die Studien, die seit dem Jahr 2000 in dreijährigem Turnus in den meisten Mitgliedstaaten der OECD durchgeführt werden und die zum Ziel haben, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten 15-Jähriger zu messen, wurde die soziale Auslesefunktion unseres gegliederten Systems deutlich. Außerdem, dass der Erwerb von Fertigkeiten stark von der sozialen Herkunft und der besuchten Schulform abhängt.

Und Schulformen haben wir reichlich in NRW: Grundschulen, Förderschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen, Gymnasien und neuerdings auch Gemeinschaftsschulen.


Also, das defizitäre gegliederte Schulsystem mit seiner im internationalen Vergleich völlig unzureichenden Leistungsfähigkeit soll in NRW, soll auch in Castrop-Rauxel erhalten bleiben, soll nur kleiner gemacht werden. Es geht nur um Quantität, nicht um Qualität.


In der Zwischenzeit geben Eltern bundesweit jährlich bereits ca. 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe (1) aus, wie die Studie der Bertelsmann Stiftung ausweist. Nachhilfe ist selbst in der Grundschule an der Tagesordnung. Rund 1,1 Millionen Schüler nehmen regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Gott-sei-Dank kann Nachqualifizierung der Tochter und/oder des Sohnes praktischerweise eingekauft werden, zumindest von denen, die es sich leisten können.

Die starke Nachfrage nach privatem Ergänzungsunterricht ist ein deutlicher Ausdruck dafür, dass Eltern mit dem Schulsystem unzufrieden sind.

Nachhilfe ist längst nicht mehr eine zeitlich begrenzte Ausnahmeerscheinung für leistungsschwächere Schüler. „Sie hat sich vielmehr zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt“, heißt es in der Untersuchung.
Da sich ganz überwiegend nur Kinder aus wohlhabenden und höher gebildeten Familien diese Möglichkeit der außerschulischen Förderung leisten können, nimmt die Chancenungerechtigkeit des Bildungs-systems tendenziell zu. Schöner Nebeneffekt zudem: Die kommerziellen Nachhilfe-Betriebe wird's freuen.

                                       ! So genial ist das gegliederte Schulsystem !


- Und das alles sehen die verantwortlichen Landes- und Lokalpolitiker von SPD und Bündnis90/Die Grünen nicht!? Sie lassen sich von reinem Opportunismus leiten - Visionen, wie man sie von Mandatsträgern erwarten können sollte, die ein Gemeinwesen zu organisieren haben, über Visionen verfügen sie nicht. Die ignoranten Politiker wollen unbeirrt am selektierenden gegliederten Schulsystem festhalten. -

Und die CDU? Die CDU-NRW und ihr Vorsitzender Norbert Röttgen jedenfalls haben gegenwärtig keine Zeit für gemeinsame inhaltliche Gespräche. Sie sind nämlich vollauf mit der Demonstration ihres Demokratieverständnisses beschäftigt. Die Diskreditierung der LINKEn ist ihnen wichtiger!

Erfreulich, zu vernehmen, dass sich wenigstens der Bürgermeister unbehaglich fühlt, wie man die Einlassungen von Herrn Beisenherz am 30. Mai 2011 in der hiesigen Schillerschule interpretieren muss: „Unser Bildungssystem zergliedert sich zu sehr. Die Hauptschule ist zur Restschule geworden und wird verschwinden. Und dann werden die Realschulen zu Restschulen. Und wenn man das weiß, muss man sich an die Spitze der Bewegung setzen und sich auf Kooperation einlassen. Das ist für mich eine Systemfrage.“

Denn selbstverständlich werden Eltern bei so vielen konkurrierenden Schulformen weiterhin bevorzugt auf das Gymnasium zugehen, selbst auf die Gefahr einer evtl. späteren "Abschulung" (was für ein Monsterwort) des eigenen Kindes hin. - So ist es heute schon, so wird es bleiben. 
Der Rest der Kinder geht weiterhin auf die "Restschule", dann eben bestehend aus Haupt-/Realschule ("Oberschule" im CDU-Jargon). - Alles wie gehabt!
Schließlich war und ist es u. a. die Erprobungsstufe der Gymnasien, die die „Restschule" zur Restschule werden ließ. Sie und die Möglichkeit der Abschulung nach zwei Jahren ermöglichen (neben anderen Faktoren) überhaupt erst den Run auf die Gymnasien: Begabung hin, Begabung her!

Ganz vertrackt in diesem Zusammenhang die Abschaffung der Schulbezirke unter der CDU/FDP-Regierung in NRW. Sie hat den Schultourismus erst so richtig befeuert. Das haben alle Eltern-Informationsveranstaltungen in Castrop-Rauxel mehr als deutlich gemacht. Erstaunlicherweise wollen SPD und Bündnis90/Die Grünen sie in Castrop-Rauxel auch nicht wiederhaben, ganz anders als ihre Landesparteien bzw. die Landesregierung. - Aber sehr praktisch für die Lokalpolitiker und die Verwaltung: Frau Glöß, Erste Beigeordnete der Stadtverwaltung und Schuldezernentin, stellt schon mal fest: "Die Eltern haben die Schule abgewählt (und meint damit den Schultourismus)!" - Mit anderen Worten: An dieser Stelle brauchen  w i r  schon mal nicht mehr zu tätig zu werden! - Und das in Nordrhein-Westfalen, wo die SPD 39 Jahre lang in souveräner Gestaltungshoheit Schullandschaft und Schulbezirke gestaltet und gepflegt hat! Das darf man nicht vergessen: Die Schulmisere, in der wir uns jetzt befinden, ist auch das Ergebnis jahrzehntelanger sozialdemokratischer NRW-Regierungsverantwortung.


Angesichts all dieser Fakten ist es höchste Zeit, Schule anders zu denken und zu organisieren: alle unter einem Dach! Inklusiv und länger gemeinsam! Die Schulressourcen müssen gebündelt werden. - Auch die Förderschüler müssen Berücksichtigung finden. - Andere Länder machen es uns schon lange vor (3).
In den Niederlanden z. B. werden Kinder mit vier Jahren eingeschult (1) und lernen acht Jahre lang miteinander, bevor sie in ein anschließendes Sekundarstufensystem gehen. Ab dem vierten Lebensjahr ist generelle schulische Förderung angesagt.
Jeder, der einmal in den Niederlanden war, hat die Erfahrung gemacht: Wenn man dort jemand auf z. B. Deutsch anspricht, erhält man eine Antwort auf Deutsch und das schon seit Jahrzehnten. Dieselbe Person würde ebenfalls auf Englisch und, mit etwas Glück, auch auf Französisch antworten - ganz nach Bedarf. Die Niederlande und Nordrhein-Westfalen sind einwohnermäßig ungefähr gleich groß - aber hier in NRW kriegt man so etwas nicht hin! Deutsche sind doch nicht dümmer als Niederländer!


Also - der Handlungsbedarf hier in Castrop-Rauxel ist erheblich und eröffnet daher eigentlich "einmalige Chancen" - wenn man denn will und sich nicht von Mutlosigkeit leiten lässt:

In den 13 Grundschulen der Stadt Castrop-Rauxel gab es im Schuljahr 1998/99 insgesamt 3.491 Kinder, also durchschnittlich 873 pro Jahrgangsstufe.
Zum Schuljahr 2009/10 waren es noch 2.760 Kinder mit durchschnittlich 690 pro Jahrgangsstufe.
Bis zum Schuljahr 2015/16 wird die mittlere Jahrgangsbreite auf durchschnittlich 596 Kinder sinken und bis zum Schuljahr 2021/22 voraussichtlich durchschnittlich 497 Kinder umfassen*.

Die Landesregierung NRW will im Rahmen von Veränderungen das "längere gemeinsame Lernen" im Rahmen einer so genannten Gemeinschaftsschule bei den Jahrgangsstufen 5 und 6 einer separaten Sekundarstufe I ansiedeln. Notwendig und sinnvoll wäre es, dieses Prinzip bereits im Primarbereich mit dem ersten Schultag zu beginnen, da sich ansonsten - wie gehabt - für die Eltern nach vier Jahren weiterhin die Frage stellt: "Wie geht's denn weiter mit meinem Kind, welche Schulform ist jetzt dran?!"


Unsere Alternative: EINE SCHULE FÜR ALLE

EINE SCHULE FÜR ALLE als gesellschaftlich/pädagogisches Konzept, alle Kinder im Rahmen von integrativer Schule gemeinsam an die Kulturtechniken dieser Gesellschaft heranzuführen und hierfür bestmöglichst zu fördern. Alle Kinder bedeutet: Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die sogenannten Regelschüler, aber auch die Kinder mit überdurchschnittlicher Begabungsstruktur.  Niemand wird ausgesondert!

EINE SCHULE FÜR ALLE umfasst 10 gemeinsame Lernjahre.
Sie setzt sich zusammen aus der Primarstufe mit den Jahrgängen 1 - 6 und der Sekundarstufe I mit den Jahrgängen 7 - 10. Sie ist als pädagogische Einheit konzipiert und in der Regel auch als organisatorische Einheit zu realisieren.

EINE SCHULE FÜR ALLE ist kostenfreie Ganztagsschule.
Nur in der Ganztagsschule können eine wünschenswerte Rhythmisierung des Schulalltags, eine Entzerrung der Unterrichtsangebote und der Anspruch ganzheitlicher Bildung erfüllt werden. Siehe: Eine Schule für alle – das NRW-Bündnis


* Schulentwicklungsplan Stadt Castrop-Rauxel vom Dezember 2010, Seite 17


Erste Schulschließung in Castrop-Rauxel zum Sommer 2011 beschlossen

Siehe auch: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern
Zusätzlich: Süddeutsche Zeitung - Themenseite


Bildungsforschung Band 2 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2007, Vertiefender Vergleich der Schulsysteme ausgewählter PISA-Teilnehmerstaaten:

(1) Seite 15:
"Die Studie basiert auf dem systematischen Vergleich der Schullandschaften in Kanada, England, Finnland, Frankreich, den Niederlanden und Schweden, kontrastiert mit der deutschen Situation ... Bemerkenswert ist... die Einheitlichkeit mancher Prozessmerkmale in den sechs Vergleichsländern: Schulen haben mehr Eigenverantwortung, zugleich werden mehr zentrale Prüfungen als in Deutschland durchgeführt. Es wird früher eingeschult (Ausnahme: Finnland und Schweden) und eine Differenzierung auf unterschiedliche Schulformen wird später vorgenommen als in Deutschland. Die Schüler dieser Länder berichten von mehr Unterstützung durch ihre Lehrer und besuchen seltener Nachhilfeunterricht als deutsche Jugendliche."

(2) Seite 18:
"Als Konsequenz lässt sich festhalten: Die Praxis der erfolgreicheren PISA-Teilnehmerstaaten sollte Anlass sein, nach Alternativen zu einer frühen Festlegung von Bildungsgängen zu suchen. Damit die Bildungseinrichtungen (Schulen wie Kindergärten) und ihr Lehrpersonal die Aufgabe der Integration, der Differenzierung und der individuellen Förderung bewältigen können, brauchen sie eine hoch qualifizierte Ausbildung, eine kontinuierliche und verbindliche Fortbildung, eine besondere Weiterbildung für Leitungsfunktionen und – gestützt auf Evaluationen – Beratung durch Expertenteams."

(3) Seite 20:
"Als Konsequenz lässt sich festhalten: In PISA erfolgreichere Staaten haben frühzeitig, systematisch und mit langem Atem Bildungsreformen in Angriff genommen und neue Modelle der Steuerung des Schulsystems eingeführt. Deren Komponenten sind die Vorgabe von Bildungsstandards (zum Teil in Verbindung mit einem nationalen Curriculum), die Erhöhung der Eigenverantwortung der Schulen und der Ausbau schulintern differenzierter Bildungsangebote, die Einrichtung von hoch professionellen nationalen Evaluationsagenturen, die regelmäßige Durchführung von zentralen Vergleichsstudien und Schulevaluationen sowie als Konsequenz der Evaluation eine differenzierte Ressourcenzuweisung in Verbindung mit einer gezielten Unterstützung der Akteure im Bildungsprozess."